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BRD-US-Pläne zum Atombombenabwurf auf die DDR

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Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß notierte in seinen Erinnerungen, dass die USA zeitweise erwogen hätten, im Fall einer militärischen Auseinandersetzung um Berlin eine Atombombe auf die DDR zu werfen, um der Ud SSR[new] ihre Verteidigungsbereitschaft zu dokumentieren, ohne jedoch gleichzeitig das sowjetische Territorium zu verwüsten und einen entsprechenden sowjetischen Gegenschlag riskieren zu müssen. (aus:http://www.bpb.de/publikationen/N2AUZZ,0,0,%DCbereinstimmung_im_Grundsatz.html

Wie ernst die Situation war, urteilte Franz Josef Strauß in »Die Erinnerungen« (1989): Im NATO- Hauptquartier reifte damals die teuflische Idee, im Falle einer Blockierung der Transitwege von und nach West-Berlin, »bevor es zum großen Schlag gegen die Sowjetunion komme, eine Atombombe zu werfen, und zwar auf das Gebiet der DDR« (S. 388). http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0103LITA.htm

Nur wenn seine (Strauss) Absichten nicht zum Zuge kamen, dann hatte er -"leider" - nicht die genügenden Machtmittel oder den nötigen "Einfluß". Er war der einzige Gegner des Atomsperrvertrages, der die BRD von der Verfügung über Atomwaffen ausschloß:

"Für mich war dieser Atomsperrvertrag ein, wie ich es nannte, ‚Super-Versailles'. Wie so oft stand in der Bekämpfung dieses Vertrages die CSU (=Strauß) wieder einmal allein."

Fast wäre ihm trotz Atomsperrvertrag dann aber doch noch die Beteiligung am Einsatz einer Atombombe gelungen - weil die USA nicht auf seinen Rat verzichten mochten. So haben offensichtlich die USA hinter den verschlossenen Türen der diversen militärischen Räte anläßlich der Berlin-Krise von 1961 den Atomeinsatz gegen den Ostblock geplant:

"Für den Fall, daß der von den Amerikanern geplante Vorstoß zu Lande nach Berlin von der Sowjetunion aufgrund ihrer Überlegenheit aufgehalten werde, hätten die USA die Absicht, bevor es zum großen Schlag gegen die Sowjetunion komme, eine Atombombe zu werfen und zwar im Gebiet der DDR... Die Amerikaner brachten diesen Gedanken ernsthaft ins Gespräch, was schon daraus hervorgeht, daß sie uns nicht nur allgemein gefragt haben, sondern daß sie von uns wissen wollten, welches Ziel wir empfehlen. Das war die kritischste Frage, die mir je gestellt wurde. Ich sagte, diese Verantwortung könne niemand übernehmen... Es war dann von einem russischen Truppenübungsplatz die Rede, auf dem große Mengen russischer Truppen konzentriert waren. Wenn diese Atombombe präzise geworfen und wenn sie einen begrenzten Wirkungsradius haben würde, dann wären die Opfer unter der zivilen Bevölkerung weitgehend auf die Menschen beschränkt, die auf diesem Truppenübungsplatz arbeiteten. Einen Truppenübungsplatz, den ich kannte, habe ich namentlich genannt - ich war dort im Jahre 1942 eine Zeitlang bei der Aufstellung einer neuen deutschen Panzerflakeinheit. Dies erschien mir, wenn es schon dazu kommen mußte und wir den Amerikanern nicht in den Arm fallen konnten, unter den gegebenen Übeln das Geringste zu sein..." (388)

Da war dieser Fanatiker der "Maximierung nationaler Macht" und oberste deutsche Berufs-Militarist in seinem Metier. Daß er aussuchen darf, wer die Bombe auf den Kopf kriegen soll. Egal, ob es sich wirklich so abgespielt hat, so sieht es nun mal in der Seele des Franz Josef Strauß aus. Die Durchsetzung der westlichen Berlin-Position ist das heiligste Recht, die natürlichste Angelegenheit der Welt; die russischen Soldaten, das widernatürliche Hindernis für solche Absichten; und der Zynismus der Planer des Massentötens ist die höchste Ausprägung menschlicher Verantwortungsriesen. Ein bißchen Stolz schwingt da schon auch mit, daß ausgerechnet ihn die Amis fragen, wohin sie die Atombombe werfen sollen.

Als 1957/58 die Bundeswehr dann dank Strauß mit Atomwaffen - unter amerikanischer Einsatzhoheit - ausgerüstet wurde, mußte er Adenauer vor der wehleidigen Aufgabe gegen Anti-Atom- und Untergangsspinner bewahren:

"Es war die Zeit der großen Anti-Atomtod-Demonstrationen, das Geschehen auf den Straßen beherrschte wochenlang die Schlagzeilen. Und es beschäftigte die Regierung... Die Meinung im Kabinett war geteilt, nicht so bei mir: ... ‚Es gibt jetzt nur eines: vollziehen und durch!'... Adenauer erscheint, hält ein Buch in der Hand und sagt mit einer Miene, als ob er eben dem Hades entronnen wäre: ‚Meine Herren, ich bin tief, tief erschüttert. Wir können so nicht weitermachen. Sehen Sie, ich habe heute nacht dieses Buch gelesen, ich bin regelrecht betroffen.'... Das sei, so Adenauer, die Geschichte eines Atomkrieges, eine furchtbare Geschichte. Daß das so schlimm sei, habe er nicht gewußt. Ich ergriff das Wort: ‚Herr Bundeskanzler, das ist der Krieg im Atomzeitalter. Wir haben noch nie eine andere Vorstellung von seiner Schrecklichkeit gehabt. Die Zeiten, wo man noch fröhlich Krieg führte, gehören längst der Vergangenheit an.' Dann habe ich Adenauer mit dem Hinweis darauf beruhigt, daß Hans Hellmut Kirst (der Romanautor) kein geeigneter und glaubwürdiger Zeuge sei... "

aus: http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/89/89_5/strauss.htm

(Die Erinnerungen des Franz-Josef Strauß DER DEUTSCHEN MACHT AUS DEM HERZEN GESPROCHEN Sie mußten ja kommen. Jetzt sind sie erschienen - als Buch und als Vorabdruck im "Spiegel", der selbstverständlich gebührend.damit kokettiert, daß ausgerechnet ihm gegen gute Bezahlung die Ehre zuteil wurde, das Vermächris des (mehr) Intim (als) Feindes vorzuveröffentlichen. Auch für Augstein steht selbstverständlich fest, womit der Herausgeber das Buch anpreist: "Einem Mann von seinem Temperament konnte die bloße Schilderung von Ereignissen nicht genügen." Berechnet sind die Memoiren genau auf diese öffentliche Unsitte, für von Haus aus gewichtig zu halten, was die politischen Akteure als ihre Sicht der Dinge zum besten geben. Nicht bloß Betroffener, sondern Macher gewesen zu sein, das bürgt auf jeden Fall für Qualität.

Auskünfte über deutsche demokratische Politik und die, die sie machen, liefert dieses Buch schon. Allerdings nicht wegen irgendwelcher Einsichten, die das verblichene "politische Urgestein" über sein Wirken seit 1939 zu bieten hätte, sondern wegen der mit aller gebotenen Selbstgerechtigkeit dokumentierten Einstellung, die Strauß bei seinem Wirken beflügelt hat. Auskunft bietet es auch nicht durch den Blick hinter die Kulissen der Macht, den man von einem erwartet, der sich dort herumgetrieben und selber immerzu Hauptrollen gespielt hat, sondern wegen der Einblicke in die Geistesverfassung eines Berüfsstandes, der sich auf die Rolle nicht bloß der, sondern seiner Persönlichkeit in der Geschichte viel einbildet. Egal, was Strauß an Schwindeleien, Selbstbeschönigungen und Tatsachen in die Feder geflossen ist: Wie immer, wenn solche Figuren der Mit- und Nachwelt das Schicksal der Nation in Gestalt der eigenen Person ans Herz legen, kommt dabei nur eines zum Vorschein die politische Charaktermaske mit ihrem schlichten, aber hartgesottenen Gemüt, das alles, was die nationale Macht ihren Verwaltern abverlangt, erlaubt und an Respekt eingetragen hat, als ganz persönliche Leistung empfindet.)

Nebenbei: Bei dieser für einen US-Präsidenten interessanten Analyse handelte es sich um die ziemlich berechnende Aufzählung der weltpolitischen Vorteile, die eine Atombewaffnung der Franzosen auch den USA bieten:

"Verfügten auch London und Paris über A-Waffen, könnte er (Kennedy) bei einer kritischen oder bedenklichen Situation den Sowjets glaubhaft machen, daß das Thema Atomwaffen und ihr möglicher Einsatz nicht allein in seiner Hand liege..." (360)

Atombomben auf die DDR? Ein unverdächtiger Zeuge in Sachen 13. August 1961 ist zweifellos Franz Josef Strauß, der Ende der fünfziger Jahre »Atombomben auf Leipzig und Dresden« nicht ausschloß und Anfang der achtziger Jahre mit den Milliardenkrediten für die DDR sensationell auf die deutsch-deutsche Option setzte. In seinem Erinnerungsbuch (Berlin 1989) memoriert Strauß die drei Möglichkeiten, von denen er 1961 (»basierend auf Berichten der eigenen und der alliierten Dienste«) ausgehen konnte: Erstens die »totale Blockade« von Westberlin - das »wäre der schlimmste Fall gewesen«, für den die NATO-Führung militärische Reaktionen plante, bis hin »zu dem abenteuerlichen Vorschlag von amerikanischer Seite«, »eine Atombombe zu werfen und zwar im Gebiet der DDR«! Bezüglich des Atombombenzieles wurde Strauß konsultiert und nannte einen ihm bekannten sowjetischen Truppenübungsplatz in der DDR. Strauß dazu im Rückblick: »Solche Überlegungen sind am Sonntag, dem 13. August 1961, zum Glück Makulatur geworden.« 

Die zweite Möglichkeit, Kontrolle der Westberliner Flughäfen durch sowjetische oder DDR-Behörden, »schien politisch utopisch zu sein«. Man beachte die vorsichtige Diktion: »schien politisch utopisch zu sein«. Nicht »war utopisch«, sondern »schien utopisch zu sein«. In der Tat werden geschichtsinteressierte deutsche Urenkel dereinst fragen können, wieso sich die Verantwortlichen in Pankow und Bonn nicht gemeinsam in den Berlin-Politpoker der beiden Supermächte einmischten - und zwar mit einer vernünftigen deutsch-deutschen Lösungsvariante, die nicht utopisch zu sein schien, sondern realistisch. Strauß zur dritten Möglichkeit: »Der Mauerbau schließlich wurde als nicht sehr wahrscheinlich angesehen.« Solche Ahnungslosigkeit teilte Strauß mit den meisten Landsleuten in Ost und West. Die SED-Parteibasis und der Parteiapparat hatten bis zum 12./13. August 1961 kaum einen Grund, an Ulbrichts Beteuerung vom 15. Juni zu zweifeln: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.« 

Wann der Kreml die Absicht entwickelte, im Konfrontationspoker (im Krieg der Drohgebärden) zurückzustecken, auf Kennedys »drei Essentials« einzulenken und Ulbricht den Mauerbau zu offerieren, ist bis heute (nach 36 Jahren!) nicht wissenschaftlich geklärt.

Wann und wie Moskau Washington wissen ließ, daß man die Essentials respektieren wird, ist ebenfalls nicht klar. Wann Ulbricht von Chruschtschows Einlenken erfuhr und den Schwenk vom Separatfrieden zum Mauerbau mitvollzog, ist desgleichen unsicher. So lange Moskau nicht die Stenogramme der Beratungen der Parteichefs der Warschauer-Vertragsstaaten vom 28./29. März und 3. bis 5. August 1961 in Moskau (rund 1 000 Seiten) der internationalen Forschung zugänglich macht, sind zu den genannten Fragen letztlich nur Spekulationen möglich.

Anfang dieses Jahres hat Wilfriede Otto in der PDS- nahen Zeitschrift »Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung« (BZG) wichtige Materialien aus ehemaligen Archiven der DDR veröffentlicht und kommentiert. Da diese Dokumente mehr Fragen aufwerfen als beantworten, kam von verschiedenen Historikern der Vorschlag, die BZG-Redaktion möge ein 13.-August- Kolloquium veranstalten. Leider wurde die Idee nicht aufgegriffen, obwohl die Thematik wegen des sogenannten Politbüro-Prozesses hoch aktuell ist. Statt dessen wurde die eigenartige PDS-Geschichtskommissionsdiskussion »Von der Lubjanka bis Hohenschönhausen/Realsozialistische Kommunistenverfolgung« veranstaltet. Und einer der Referenten dort, das Mitglied des PDS-Bundesvorstandes Prof. Dr. Michael Schumann, durfte nun auf der ND- Titelseite (2./3. August 1997) »Notizen zum PB-Prozeß« veröffentlichen.

Schumann, zu DDR-Zeiten einer der als »Schmalspur- Wissenschaftler« oft belächelten Lehrkräfte des »Marxistisch-leninistischen Grundstudiums« (an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften Potsdam- Babelsberg), scheint sich nun als Hirnschnüffler zu betätigen. »Natürlich«, behauptet Schumann, »ist Schabowskis >Wendung< nicht das Ergebnis einer ernsthaften intellektuellen und moralischen Selbstkritikt«. Sondern? Angeblich distanziert Günter Schabowski sich deshalb von seiner Vergangenheit als SED- Spitzenfunktionär, weil er im PB-Prozeß auf einen »Reue- Bonus« spekuliert. Dieser infamen Unterstellung aus der PDS-Chefetage muß ich denn doch öffentlich widersprechen.

Ich kenne Schabowski aus gemeinsamen ND-Zeiten ziemlich gut. Im Kabuff hinter seinem ND-Chefredakteur- Büro haben wir uns oft (knallhart und lautstark) gestritten. Trotzdem waren wir befreundet - bis etwa Frühjahr 1991, als sein Buch »Der Absturz« erschien. Unser letztes Gespräch war ein Streit über das Buch. Und natürlich bedauere ich außerordentlich, daß die im Moabiter Prozeß angeklagten SED-Spitzenfunktionäre nicht wenigstens dort eine gemeinsame Verteidigungsstrategie gefunden haben.

Aber die PDS-Führung, die im Januar 1990 auf Geheiß der gorbatschowistischen »Balalaika-Kommunisten« ausgerechnet die Honecker-Stürzer und »Mauer-Öffner« Egon Krenz und Günter Schabowski (unter unwürdigen, beinahe »poststalinistischen« Umständen) aus der SED/PDS auszuschließen beliebte, hat am allerwenigsten ein Recht, in Schabowskis mutmaßlichen Motiven herumzuschnüffeln.

Gorbatschows Maueröffnung? Die Umstände des Parteiausschlusses von Krenz und Schabowski sind mir deshalb gut in Erinnerung geblieben, weil es an dem Wochenende (20./21. Januar 1990) war, über das die Weltpresse unter der Schlagzeile »Blutige Zusammenstöße in Baku« berichtete. Gorbatschow, unfähig, die Nationalitäten-Probleme der Ud SSR[new] vernünftig zu lösen, hatte den Ausnahmezustand verhängt und den »Truppen des Innenministeriums« einen Schießbefehl gegeben: mindestens 57 Tote und über 500 Verletzte.

Schabowski rief mich in meinem Pankower Bücherkeller an und teilte mir konsterniert mit: »Die haben mich ausgeschlossen, nach zehnstündigem Warten. Mit denen bin ich fertig. Endgültig fertig.« Das war Schabowskis intellektueller und moralischer Abschied vom Sozialismus.

Der PDS-Landtagsabgeordnete Schumann wirft deutschen Staatsanwälten ziemlich pauschal ein »eindimensionales Weltbild« und eine Neigung zur Gesinnungsjustiz vor. Doch lange vor der Moabiter Anklage und den maßlosen Strafanträgen der dortigen Staatsanwaltschaft mußten Krenz und Schabowski 1989/90 fürchten, von moskowitisch gesteuerten »Wendehälsen« inhaftiert zu werden - in gleicher Weise wie Erich Honecker, Axen usw. - nicht in Hohenschönhausen, sondern in Rummelsburg. Hat Schumann vergessen, daß Gregor Gysi persönlich solche »U-Haft«-Willkür öffentlich (im ND vom 21. Februar 1990) verteidigte?

In Hafterwartung fragte damals Krenz den Schabowski, ob man im Knast wohl joggen dürfe; er brauche das zum Abtrainieren. Schabowski wurde geraten, sich um eine Arbeitsstelle als »Pegelstandsableser« in Köpenick zu bewerben. Ein Unternehmer in Hessen gab dem studierten Journalisten aus dem SED-Politbüro Arbeit bei einem Anzeigenblatt. Da haben es die PDS-Mandatsträger mit dicken Diäten natürlich »intellektuell und moralisch« leichter, Bertolt Brecht zu »korrigieren«: »Erst kommt die Moral, dann kommt das Fressen.« 

Als im Sommer 1961 den DDR-Deutschen der »Schwarze Peter« des Mauerbaus zugeschoben wurde, als Ulbricht, Axen und andere SED-Spitzenfunktionäre (bis etwa Ende 1961) der Chruschtschow-Zusage vertrauten, der Mauerbau sei nur eine Übergangslösung zum Friedensvertrag, als die Schüsse auf Fluchtwillige zum grausamen Wesenszug dieser schlimmen Grenze wurden, da waren Krenz, Günther Kleiber und Schabowski politisch völlig unbekannte Personen.

Krenz lernte ich erst 1964 kennen - als Anhänger der Jugend-Kommunique-Reformpolitik und Förderer einer realistischen Jugendforschung in der DDR. Der Diplomingenieur Kleiber wurde einem wie mir erst 1967 bekannt, als er (»Technokraten-Verstärkung«) von Ulbricht (als Kandidat) ins Politbüro geholt wurde. Und Schabowski wurde gar erst 1978 (mit seiner Bestallung zum ND-Chef) zu einem DDR-Bürger von politischer Relevanz. Daß nun ausgerechnet diese drei PB-Mitglieder für die Todesfälle der Mauer (gleichsam als Schreibtisch-Mörder) geradestehen sollen, riecht doch sehr nach Sündenbock- Justiz. Geradezu absurd wirkt dabei der Umstand, daß Michail Gorbatschow, zu dessen »Perestroika-Konzept« die Maueröffnung nicht gehörte und der noch nach dem 9. November 1989 Krenz und Schabowski wegen ihrer Eigenmächtigkeit (»Mißachtung der sowjetischen Berlin- Rechte«) verbal abstrafen ließ, Ehrenbürger von Berlin ist.

Mauerbau und »Politbüro-Prozeß« Erinnerungen und Anmerkungen von Harald Wessel




»Ich bin ein Berliner!« Als John F. Kennedy, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, diesen berühmten, wenngleich mühsam auswendig gelernten Satz am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus den Mikrofonen anvertraute, da sagte er nicht die Wahrheit. Politisch korrekt hätte er ausrufen müssen: »Ich bin ein Westberliner!« Denn seit dem Sommer 1961 war klargestellt, daß die US-Regierung für Westberlin und dessen freien Zugang sogar einen Atomkrieg riskieren würde, nicht aber wegen der Ostberliner und deren Recht auf Selbstbestimmung.

Das jedenfalls war der Sinn der berühmten »drei Essentials«, die Kennedy am 6. Juni 1961 - nach seinem Wiener Treffen mit Nikita Chruschtschow vom 3. und 4. Juni 1961 - öffentlich verkündet hatte: »Ich habe Herrn Chruschtschow erklärt, daß die Sicherheit Westeuropas und damit unsere eigene Sicherheit eng mit unserer Präsenz in und mit unseren Zugangsrechten nach West-Berlin verflochten sind; daß diese Rechte konstitutiv sind und nicht auf stillschweigender Duldung beruhen; und daß wir entschlossen sind, diese Rechte auf jede Gefahr hin zu wahren und damit unseren Verpflichtungen gegenüber der Bevölkerung Westberlins nachzukommen und ihr Recht auf Selbstbestimmung zu gewährleisten.« 

Kennedys Politik war damals in den USA umstritten. Nach der erbärmlichen Niederlage der von Washington unterstützten Exilkubaner bei deren Invasion in der Schweinebucht (April 1961) hatten die US-Falken dem jungen Mann im Weißen Haus Nachgiebigkeit und Schwäche vorgeworfen. Beim Wiener Treffen - dem ersten Treffen Kennedys mit der Kremlspitze - demonstrierte der gescheite Millionärssprößling also Härte. Da auch Chruschtschow von Falken bedrängt und zunehmend in die Widersprüche seiner eigenen Außenpolitik verstrickt war, blieb auch er hart. Am Ende des Wiener Treffens sah es so aus, als stehe die Welt kurz vor einem atomaren Inferno. In dieser Situation waren die »drei Essentials« geradezu genial: Sie gaben momentan (und weitgehend scheinbar) nach, um die rote Supermacht langfristig in eine tödliche Falle zu locken: den Bau der Berliner Mauer.

Da die deutschen Medien heute mehr denn je Unisono- Formeln voneinander abzuschreiben pflegen, ist es kein Wunder, daß bis in die Geschichtswissenschaft hinein das Dogma gepflegt wird, Walter Ulbricht, der damalige SED- Generalsekretär, sei der Erfinder der Berliner Mauer gewesen. Das ist pure Propaganda - und zwar ziemlich oberflächliche Zweckpropaganda. Sie ist von jener primitiven Logik, die nur dann »schlüssig« wirkt, wenn man die (zwar selten öffentlich artikulierten) fundamentalen Interessenunterschiede und Interessengegensätze zwischen Moskau und Ostberlin völlig ignoriert.

Ich selbst war 1961 ein gerade »bestallter« Redakteur für Naturwissenschaften in der Redaktion des SED-Zentralorgans Neues Deutschland (ND). Der ND-Chef und Ulbricht-Vertraute Hermann Axen hatte mich persönlich für sein Blatt angeworben. Er zweifelte kaum an meiner fachlichen Kompetenz, hielt aber politischen Nachhilfeunterricht für angebracht. Bei manchem »Privatissimum« ließ er Vertrauliches, Insider- Informationen, Herrschaftswissen durchblicken. Gern gab er (streng vertraulich) das wieder, was Ulbricht ihm (zum besseren Verständnis des »Hintergrundes«) für »das Zentralorgan« gesagt hatte. Ceterum canseo all dieser »Vertraulichkeiten«: Seit dem Scheitern des Pariser Gipfels vom Mai 1960 war Ulbricht tief unzufrieden mit Chruschtschows Deutschland- und Berlin-Politik.

Moskau fuhr die DDR auf Verschleiß. Die reparationsäquivalenten Leistungen der DDR für das »Vaterland aller Werktätigen« nahmen zu, ohne daß Moskau seinen Rohstofflieferverpflichtungen kontinuierlich nachgekommen wäre. Der DDR-Beitrag zum sowjetischen Atomprogramm wuchs von Jahr zu Jahr. Über die offene Grenze in Berlin aber wanderten nicht nur Hunderttausende von Fachkräften (zumeist »Wirtschaftsflüchtlinge«) gen Westen ab, sondern auch Werte in Milliardenhöhe. Der DDR-Rückstand gegenüber der BRD vergrößerte sich zusehends im Lebensstandard, in der Produktivität und in den produktiven Investitionen. Der wirtschaftliche (und politische) Zusammenbruch schien zwangsläufig. Daran hätten auch die sowjetischen Weltraumerfolge nichts ändern können.

Seit März 1959 drohte der Kreml-Choleriker Chruschtschow immer mal wieder, notfalls mit der DDR einen Separatfrieden abzuschließen, um Westberlin (als Fluchtloch und Schwarzmarktschneise) zu neutralisieren und unter östliche Kontrolle zu bringen. Doch faktisch geschah nichts. Die Ultimaten ließen nur die Fluchtwelle anschwellen. Klar, daß Ulbricht immer heftiger (auch öffentlich) auf eine faktische Entscheidung Moskaus drängte. Doch er meinte damit keineswegs die Erlaubnis zum Bau einer Mauer quer durch die ehemalige deutsche Reichshauptstadt Berlin, die vor 1933 eine Hochburg der SPD und der KPD gewesen war - mit Ulbricht als Pol.- Leiter der KPD-Bezirksorganisation für Berlin- Brandenburg (1929 bis 1933).

Was schwebte Ulbricht zwischen März 1959 und Juli 1961 vor? Am liebsten wäre ihm eine deutsch-deutsche Übereinkunft über einvernehmliche Kontrolle des Reiseverkehrs vor allem von und nach Westberlin gewesen. Der Interzonenhandel hatte seit Jahren gezeigt, daß (offene und/oder stillschweigende) deutsch-deutsche Übereinkünfte nicht völlig unmöglich waren. Daß eine Wiederholung von Stalins Westberlin-Blockade wiederum zum Scheitern verurteilt sein würde, war Ulbricht klar. Also favorisierte er die Idee der »Freien Stadt« Westberlin - mit DDR- Personenkontrollen an den Westberliner Flughäfen. Ein Friedensvertrag der Siegermächte mit ganz Deutschland oder ein separater Friedensvertrag der Ud SSR[new] mit der DDR sollte für diesen neuen Berlin/Westberlin-Status die Rahmenbedingungen schaffen und gewährleisten. aus: http://www.geocities.com/CapitolHill/Lobby/9362/DDR2.htm

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