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Kosmosforschung In Der DDR

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Die Kosmosforschung in der DDR - eine ErfolgsgeschichteBearbeiten

Zum Buch von Katharina Hein-Weingarten: Das Institut für Kosmosforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR. Ein Beitrag zur Erforschung der Wissenschaftspolitik der DDR am Beispiel der Weltraumforschung von 1957 bis 1991. Berlin: Duncker und Humblot, 2000 (Zeitgeschichtliche Forschungen, Band 4); zugleich: Berlin, Technische Universität, Dissertation 1998. 360 Seiten

Dies ist ein Buch, das allen Interessenten an den Weltraumaktivitäten der DDR, einschließlich der damaligen Akteure, und darüber hinaus allen Interessenten an der Geschichte der DDR nachdrücklich empfohlen werden kann. Es ist die erste Dissertation, das erste wissenschaftliche Buch der professionellen Historiographie über die Beteiligung der DDR an der Erforschung und Nutzung des Weltraums. Außenstehende werden sich fragen, wenn sie den anspruchsvollen Titel der Dissertation lesen, ob der zweite Teil des Titels berechtigt ist, da es ja „nur“ um ein Institut der Akademie der Wissenschaften geht. Die Kenner wissen jedoch, daß die Untersuchungen zum Institut für Kosmosforschung einen Einstieg in ein Gebiet der Wissenschaftspolitik der DDR liefern können, das in der Öffentlichkeit (und nicht nur dort) eine große Rolle spielte. Die Aktivitäten des Institutes stellten einen beträchtlichen Teil der Weltraumaktivitäten der DDR dar, jedoch bei weitem nicht die Gesamtheit. Zum Umfeld und zur Einordnung des Instituts sind weitere Untersuchungen erforderlich. Letztlich bleibt die Frage im Buch unbeantwortet. Anlage und Gliederung des Buches sind einfach und systematisch. In sechs Abschnitten, untergliedert in einzelne Kapitel, reicht der Blick von der Entwicklung des Instituts bis zur Stellung der Weltraumforschung der DDR im nationalen und internationalen Vergleich: Auf die kurze Einleitung (Abschnitt A, 8 Seiten) folgt der Abschnitt B: „Die Entwicklungsgeschichte des Instituts von 1957 bis 1991“ (25 Seiten). Gemeint ist damit von 1973 bis 1980 das Institut für Elektronik (Abkürzung: IE, Direktor Hans-Joachim Fischer) und ab 1981 bis 1991 das aus ihm hervorgegangene Institut für Kosmosforschung (Abkürzung: IKF, Direktor bis 1988 Robert Knuth, ab 1989 Heinz Kautzleben). Im ersten Kapitel dieses Abschnitts wird die Vorgeschichte des Institutes beschrieben, die hauptsächlich im Heinrich-Hertz-Institut für solar-terrestrische Physik (Direktor von 1966 bis 1973 Ernst August Lauter) ablief. Das vierte Kapitel behandelt die Entwicklung des Instituts für Kosmosforschung in der Wendezeit 1989 bis 1991. Die Untersuchungen zum Institut sind hervorragend gelungen, lediglich die Fachwissenschaftler könnten bedauern, daß die Ausführungen zu den wissenschaftlichen Ergebnissen des Instituts nur knapp sind. - Der Abschnitt C (90 Seiten) beschreibt „Nationale Einflüsse auf die Weltraumforschung in der DDR“. Ein Kapitel ist den Entscheidungsstrukturen gewidmet. Hier müßte die Rolle des Ministeriums für Wissenschaft und Technik (MWT) exakter dargestellt werden. Der Einblick in das gesamtstaatliche Leitungssystem wäre durchsichtiger ausgefallen, wenn die Autorin bereits an dieser Stelle das „Koordinierungskomitee der DDR für die Erforschung und Nutzung des Weltraums für friedliche Zwecke“ - zumeist kürzer, aber irreführend „Koordinierungskomitee Interkosmos“ genannt - und dessen Wissenschaftlichen Beirat behandelt hätte. Das Koordinierungskomitee wurde 1966 mit einem stellvertretenden Minister des MWT als Vorsitzenden gegründet und war bis 1974 beim MWT angesiedelt. Danach wurde es der Akademie angegliedert, Vorsitzender wurde der Generalsekretär der Akademie. Für den Wissenschaftlichen Beirat war von Anfang an die Akademie verantwortlich; sein Vorsitzender war bis 1973 der Generalsekretär der Akademie, danach der Leiter des Forschungsbereiches Geo- und Kosmoswissenschaften der Akademie. Der Abschnitt C enthält auch ein Kapitel „Ergebnisse der Weltraumforschung auf nationaler Ebene“ (32 Seiten), das man hier nicht erwartet hätte, zumal nur die beiden Projektideen „DDR-eigener Sputnik“ und „Zweiter DDR-Kosmonaut“ und die nicht vollendete Entwicklung des Sternnavigationssystems ASTRO beschrieben werden - warum gerade diese bleibt offen. - Der Abschnitt D „Sozialistische Zusammenarbeit auf dem Gebiet Weltraumforschung“ (150 Seiten) befaßt sich hauptsächlich mit der „Interkosmos-Zusammenarbeit“. Die hier eingeordnete Beschreibung des schon in Abschnitt C erwähnten Koordinierungskomitees vermittelt den durch die Praxis seines Apparates geförderten, aber unzutreffenden Eindruck, daß das Komitee nur für die Interkosmos-Zusammenarbeit zuständig gewesen sei. Von den zahlreichen Ergebnissen der Interkosmos-Zusammenarbeit werden ausführlich das Einheitliche Telemetriesystem ETMS und das Fourierspektrometer PM-V für die beiden Venus-Missionen Venera-15 und Venera-16 behandelt. Warum die Autorin sich auf diese beiden Projekte beschränkt, bleibt offen. Das dritte Kapitel in diesem Abschnitt ist den weiteren Abkommen zwischen den Regierungen der DDR und der Ud SSR über Weltraumaktivitäten gewidmet, ausführlich dem zur Fernerkundung der Erde. - Der Abschnitt E „Organisation der Weltraumforschung in DDR und Bundesrepublik“ (33 Seiten) enthält einen Versuch, die Weltraumaktivitäten in diesen beiden Staaten zu vergleichen. - Der letzte Abschnitt F „Weltraumforschung - eine besondere Forschungsrichtung in der DDR“ (8 Seiten) bietet eine zusammenfassende Einschätzung durch die Autorin. Das Buch zeugt von einer außerordentlich fleißigen und gewissenhaften Arbeit der Autorin, die die Bürde auf sich nahm, die Vielzahl von schriftlichen Dokumenten zum primären Gegenstand der Untersuchungen durchzusehen und auszuwerten, die heute allgemein zugänglich sind, jedoch bis zum Ende der DDR strengsten Sicherheitsbestimmungen unterlagen. Bei der Fülle des Materials waren sachliche Irrtümer und Fehler unvermeidlich. Ihre Zahl ist erfreulich klein. Sie können bei Unterstützung durch die Kenner der Materie leicht nachgebessert werden. Entstanden ist eine Dokumentation und ein Nachschlagewerk, das bei allen künftigen Betrachtungen zur Geschichte der Weltraumaktivitäten der DDR beachtet werden muß. Die Auswertung und die Interpretation der Dokumente durch die Autorin ist objektiv und weitestgehend unvoreingenommen. Die Überzeugungskraft der Quellen ist für sie offensichtlich so stark, daß ihre Einschätzung der auf diesem Gebiet erreichten Leistungen insgesamt positiv ist. Dabei muß man erwähnen, daß die Autorin zu Beginn ihrer Untersuchungen die Ergebnisse der beiden Evaluationen des Institutes für Kosmosforschung durch die Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) und den Wissenschaftsrat der BRD sowie die zu Beginn der neunziger Jahre erfolgte Einordnung der Weltraumaktivitäten der DDR in die der BRD gekannt hat. Das Buch zeigt die Möglichkeiten und zugleich die Grenzen der Geschichtsschreibung durch Historiker auf der Grundlage von schriftlichen Quellen. Es ist eine Herausforderung für die Zeitzeugen zu ergänzen und zu kommentieren. Der Rezensent hat schon auf dem „Zeitzeugen-Kolloquium“ der Leibniz-Sozietät e.V. anläßlich des Leibniz-Tages 2000 in seinem Vortrag „Das Programm Interkosmos und die Geo- und Kosmosforschung“ - ohne Kenntnis der Untersuchungen von Katharina Hein-Weingarten - zum Gegenstand gesprochen. Der Vortrag wird wie die anderen Vorträge der Konferenz demnächst in den „Abhandlungen der Leibniz-Sozietät“ gedruckt vorliegen und liegt auch auf dieser Web Site[new] vor. Er kann als erster, umfangreicher Kommentar des Rezensenten betrachtet werden. Deshalb an dieser Stelle nur einige wenige direkte Bemerkungen zum Buch. Als Zeitzeuge und Akteur bei der Entwicklung der Beteiligung der DDR an der Erforschung und Nutzung des Weltraumes für friedliche Zwecke kann der Rezensent der Aussage der Autorin zustimmen, daß die „Weltraumforschung eine besondere Forschungsrichtung in der DDR“ war. Und uneingeschränkt gilt die Zustimmung für die positive Würdigung der auf diesem Gebiet erreichten Ergebnisse durch die Autorin. Zu widersprechen ist jedoch der Einschätzung, daß die „Weltraumforschung nicht in die Reihe der Forschungsschwerpunkte der DDR eingeordnet war, die besonders gefördert wurden“. Zu einer solchen Einschätzung könnte man nur bei einer nicht zutreffenden Definition des Begriffs „Weltraumforschung“, bei unzureichender Kenntnis der Sachlage oder nach persönlich motivierter Fehlberatung kommen. Frau Dr. Hein-Weingarten muß selbst entscheiden, was davon zutrifft. Entsprechend den internationalen Gepflogenheiten wurde in der DDR der Begriff „Weltraum- oder Kosmosforschung“ als Sammelbezeichnung für alle Forschungsaktivitäten in Verbindung mit der Erforschung und Nutzung des Weltraums verwendet, wobei diese ausdrücklich auf friedliche Zwecke eingeschränkt wurden. Diese umfassende Zielsetzung ist in allen offiziellen Bezeichnungen und Dokumenten enthalten. Selbstverständlich gab es viele, sehr verständliche Versuche, den Begriff für das jeweilige persönliche Interessen- und Arbeitsgebiet zu verwenden und damit in den Genuß der intensiven Förderung zu kommen. Die „Weltraum- oder Kosmosforschung“ in diesem breit gefaßten Sinn genoß in der DDR höchste Aufmerksamkeit und wurde von allen Führungs- und Leitungsebenen der SED, des Staates, der Wirtschaft und der Wissenschaft stark gefördert. Maßgebend dafür war neben den wissenschaftich-technischen Auswirkungen in vielen Bereichen der Wirtschaft und der Gesellschaft die große außen- und innenpolitische Brisanz der Weltraumaktivitäten in der Zeit des "Kalten Krieges" und weiterhin bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion und des sozialistischen Lagers. Man muß die Dokumentation von Frau Dr. Hein-Weingarten nur entsprechend lesen, um die Beweise für diese These des Rezensenten zu sehen. Von der Sonderstellung der Kosmosforschung in der Akademie der Wissenschaften zeugt neben vielem anderen das ständige persönliche Engagement der Präsidenten (Hermann Klare, Werner Scheler), des 1. Vizepräsidenten (Ulrich Hofmann), des Generalsekretärs (Claus Grote), des Leiters des Forschungsbereiches Geo- und Kosmoswissenschaften (Heinz Stiller, Heinz Kautzleben) und anderer für die Belange der Kosmosforschung, und zwar sowohl für das IE/IKF wie auch weit darüber hinaus. Dies belegen die Forschungspläne der Akademie und die stete Zunahme der personellen, finanziellen und materiellen Fonds des IE/IKF. Im Buch wird richtig das hohe Engagement des Generalsekretärs beschrieben, insbesondere von Claus Grote, der dieses Amt von 1972 bis 1990 innehatte. Dabei ist zu beachten, daß dessen Tätigkeit als Vorsitzender des Koordinierungskomitees Interkosmos nur zum Teil zu seinem eigentlichen Verantwortungsbereich (den internationalen Beziehungen der Akademie) gehörte. Daraus erklärt sich auch, daß das Arbeitsorgan des Koordinierungskomitees nicht im Apparat der Akademieleitung, sondern beim IE/IKF angesiedelt wurde. Eine entsprechende Würdigung der Leistungen von Ernst August Lauter, der in der Zeit von 1968 bis 1972 als 1. Vizepräsident und Generalsekretär der Akademie wirkte, steht leider noch aus. Anscheinend war für die Autorin bei der Auswertung der Quellen die Leistung des 1. Vizepräsidenten Ulrich Hofmann (er amtierte von 1972 bis 1990) beim steten Anwachsen der Fonds des IE/IKF nicht erkennbar. Zu präzisieren sind auch die Ausführungen im Buch über die Einflußnahme des Leiters des Forschungsbereiches Geo- und Kosmosforschung (Heinz Stiller amtierte von 1973 bis 1984, Heinz Kautzleben von 1984 bis 1989) auf die Kosmosforschung allgemein und speziell auf das IE/IKF. Dieser übte zugleich die Funktionen des stellvertretenden Vorsitzenden des Koordinierungskomitees Interkosmos und des Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirates Interkosmos aus. Das Engagement von H. Kautzleben für die Kosmosforschung ging soweit, daß er 1988 sein zweites Amt als Direktor des Zentralinstitutes für Physik der Erde aufgab und statt dessen die Funktion des Direktors des IKF übernahm. Man kann diesen Schritt als abgestimmten Versuch der Akademieleitung deuten, das Leitungssystem der Kosmosforschung, das vielfach vorteilhaft und effektiv, aber auch schwierig zu handhaben war, zu straffen. Die politischen Ereignisse in der Wendezeit haben es nicht mehr zugelassen, daß diese Lösung voll zum Tragen kam. Die Rezension bietet die Möglichkeit, zu einer weiteren fundamentalen Aussage der Autorin Stellung zu nehmen, nämlich zu der Aussage, daß es in der DDR keine "Weltraumstrategie" gegeben hätte. Auch hier liegt die Vermutung nahe, daß die Autorin sich zu ihrer Aussage verführen ließ, weil sie von den Untersuchungen zur Entwicklung des Institutes für Kosmosforschung ausging und nicht zur ausreichend breiten Faktenbasis vorstoßen konnte. Anscheinend war dann zusätzlich der von ihr angestellte Vergleich mit den Weltraumaktivitäten der BRD irreführend. Dabei hat die Autorin die grundlegenden Aspekte, die für die Beteiligung der DDR an der Erforschung und Nutzung des Weltraumes zu friedlichen Zwecken entscheidend waren, in ihrem Buch durchaus angesprochen. Das Ziel der DDR-Politik für die Weltraumaktivitäten der DDR war von Anfang an die Nutzung der Weltraumtechnologie für Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Politik entsprechend den konkreten Gegebenheiten der DDR. Fundamental waren dabei und dafür erstens die Abhängigkeit der DDR von der Weltmacht Sowjetunion, zweitens der globale Charakter der Weltraumtechnologie und drittens die zwingende Notwendigkeit, die Weltraumtechnologie auch in der DDR in vielen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft zu nutzen. Dieses Erfordernis wurde in den sechziger Jahren deutlich erkannt; die „Weltraumstrategie“ wurde auf dieses Ziel ausgerichtet. Die Kosmosforschung in der DDR wurde deshalb außerordentlich stark gefördert, wobei die Wissenschaftler im Rahmen dieser strategischen Orientierung für die konkreten Wege zum vorgegebenen Ziel und die konkreten Aktivitäten weitgehend freie Hand erhielten. Die Politiker der DDR vertrauten auf den Sachverstand der Wissenschaftler und darauf, daß die mit der Führung der Sowjetunion abgestimmten generellen Ziele auch in der konkreten wissenschaftlichen Zusammenarbeit von den sowjetischen Partnern vertreten würden. Die Wissenschaftler des Institutes für Elektronik/Kosmosforschung haben die gebotenen einmaligen Möglichkeiten geschickt genutzt. Jeder Kenner der Weltraumaktivitäten weiß, welche immensen Schwierigkeiten in allen Ländern und von allen Beteiligten bei der Entwicklung und Nutzung der Weltraumtechnologie überwunden werden müssen und daß vielfältige Rückschläge unvermeidlich sind. Der Maßstab kann deshalb nicht sein, daß Schwierigkeiten auftraten, sondern wie sie unter den gegebenen Randbedingungen überwunden wurden und welche Effektivität dabei erreicht wurde. Man kann der Autorin bescheinigen, daß sie letztlich auch zu dieser Erkenntnis vorgedrungen ist. Anscheinend waren ihr dabei ihre vergleichenden Untersuchungen, die sie im Abschnitt E ihres Buches beschreibt, und die Kommentare der Sachkenner aus der BRD hilfreich. Abschließend sei die Frage nach dem Nutzen der von Frau Dr. Hein-Weingarten vorgelegten Untersuchungen aufgeworfen. Offensichtlich ist das historische Interesse. Ebenso offensichtlich ist, daß heute kein Interesse daran besteht, die umfangreichen politischen und organisatorischen Erfahrungen, die bei der Beteiligung der DDR an der Erforschung und Nutzung des Weltraumes zu friedlichen Zwecken im Laufe eines Vierteljahrhunderts gesammelt wurden, bei den gegenwärtigen und künftigen Weltraumaktivitäten der BRD oder anderswo zu nutzen. Dazu gibt es keinerlei Voraussetzungen mehr, und die Weichen wurden beim Anschluß der DDR an die BRD völlig anders gestellt. So bleibt allein die Bewertung des abgeschlossenen Kapitels Kosmosforschung in der DDR: War es ein Erfolg und kann man den Akteuren bescheinigen, daß sie hohe Leistungen vollbracht haben? Die Aussagen im Buch dazu sind eindeutig. Bitte lesen Sie selbst!

Heinz Kautzleben, 12. April 2001 Quelle: http://www2.rz.hu-berlin.de/leibniz-sozietaet/download/kautzleben_rez.doc

Rezension

Katharina Hein-Weingarten

Das Institut für Kosmosforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR. Ein Beitrag zur Erforschung der Wissenschaftspolitik der DDR am Beispiel der Weltraumforschung von 1957 - 1991 Berlin. Duncker und Humblot, 2000

Eine Woche vor dem vierzigsten Jahrestag des ersten Weltraumfluges von Juri Gagarin (12. April 1960) stellten Verfasser und Verlag eine Arbeit zur Weltraumforschung in der DDR vor.

Katharina Hein-Weingarten hat mit der vorliegenden Arbeit einen bemerkenswerten Versuch unternommen: Als junge Historikerin hat sie sich - gleichsam mit der Anfertigung eines Gesellenstücks in Form der Darstellung vom Entstehen und Wirken eines zwar kleinen, aber doch herausgehobenen Instituts der Akademie der Wissenschaften der DDR (Ad W[new]) - an der Spezialisierung zur Wissenschaftshistorikerin versucht. Ein Unterfangen, das in der Tat durch einige Stolpersteine erschwert wird. Zunächst ist die Geschichte des Instituts für Kosmosforschung (IKF) mit der Abwicklung der Ad W[new] als abgeschlossen zu betrachten, doch viele der Zeitzeugen und Akteure leben noch, einige haben in den Resten übernommener Teams einen neuen Job unter neuem Dach der ehemaligen Konkurrenz (die ja auch als Auftraggeber und Sponsor dieser Arbeit und sicherlich als Ratgeber wirkte) gefunden, andere wurden quasi ausgestoßen und stehen aus unterschiedlichen Gründen nicht für die wissenschaftliche Auswertung ihrer Erfahrungen aus und mit der Vergangenheit zur Verfügung (war das denn eigentlich gewollt?). Und schließlich fiel das Ende des Instituts mit dem Ende der Gesellschaftsordnung zusammen, die es geboren hatte. So blieb der Autorin, die sich im Laufe ihrer Fleißarbeit sicherlich dieser Stolpersteine bewußt wurde, nur das akribische Aufarbeiten von Akten, die aufgrund besonders günstiger Umstände großteils im Komplex erhalten geblieben waren, und der Versuch, sich mit Interviews einiger "Hinterbliebener" ein Bild zu machen und uns dies in schriftlicher Form zu übermitteln. Solche Bilder sind immer durch die eigene Brille, unsere Denk- und Sichtweisen verzerrt; hier leider in einigen Fällen durch die Schwierigkeiten für einen Historiker, sich in wissenschaftspolitische und -organisatorische sowie wissenschaftlich-technische Sachverhalte und Arbeitsweisen hineinzudenken und dabei noch den Blick über den Tellerrand der durch die unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen geprägten Grenzen zu heben. So sei an dieser Stelle die Feststellung der Autorin genannt, daß es der DDR an einer eigenen Weltraumpolitik gemangelt habe (was wären denn die Merkmale einer eigenen Wissenschaftspolitik der DDR in einem definierten Fachgebiet?). Die Erforschung der Wissenschaftspolitik der DDR am Beispiel eines herausgehobenen Instituts ohne Betrachtung anderer oder typischer Beispiele muß ebenfalls auf Schwierigkeiten stoßen, denn es fehlt das allgemeingültige Maß. Die Darstellung aufgegebener technischer Projektideen als Mißerfolg gehört wohl zu den Mißverständnissen eines Historikers. An dieser Stelle ist ebenfalls anzumerken, daß einige der wenigen sachlichen Fehler auch darin liegen, daß einige der handelnden Personen nicht oder nicht im richtigen Zusammenhang erwähnt werden - die Erarbeitung eines Namensregisters hätte hier manche Ungenauigkeit beseitigt. Dem Rezensenten, der die Entwicklung des Instituts von außerhalb und innerhalb der Ad W[new] mit kleinen Einblicken - aber immer großem Interesse - verfolgen konnte, bleibt anzumerken, daß der Autorin ihr Gesellenstück gelungen ist, wenn auch eine gewisse Nachbesserung der erwähnten Unebenheiten dem Stück mehr Glanz verliehe. Das Buch wurde am 5. April 2001 in Anwesenheit zahlreicher ehemaliger Entscheidungsträger, Akteure und Zeitzeugen der Öffentlichkeit vorgestellt und mit lebhafter Diskussion aufgenommen. Leider meldete sich von den anwesenden und vormals dem Institutsdirektor vorgesetzten Entscheidungsträgern niemand zu Wort; warteten sie in einer Art nacheilenden Gehorsams auf den Startschuß durch den ebenfalls anwesenden und ehemals zuständigen Minister? Der Leser bleibt jedoch nicht ohne sachkundigen Kommentar: Professor Heinz Kautzleben, langjähriger Forschungsbereichsleiter Geo- und Kosmoswissenschaften der Ad W[new] und letzter Direktor des IKF legt eine ausführliche Rezension vor. Er hatte bereits auf dem Kolloquium der Leibniz-Sozietät zum 300. Jahrestag der Berliner Akademie in einem Beitrag die Aktivitäten der DDR zum Interkosmosprogramm gewürdigt.

Klaus-Peter Steiger 12.04.2001

Quelle: http://www2.rz.hu-berlin.de/leibniz-sozietaet/publ_rez_hein_ks.htm

Heinz Kautzleben Das Programm Interkosmos und die Geo- und Kosmosforschung (Überarbeiteter Beitrag zum Kolloquium der Leibniz-Sozietät e.V. am 30. Juni 2000 in Berlin „Die Berliner Leibniz-Akademie nach 1945 - Erfahrungen zum Werden und Wirken der Akademie“)

Das Programm Interkosmos war Gegenstand des mehrseitigen „Abkommens über die Beteiligung an der Erforschung und Nutzung des Weltraumes mit Hilfe von künstlichen Erdsatelliten zu friedlichen Zwecken“, das 1967 zwischen den Regierungen der Ud SSR und der weiteren sozialistischen Länder abgeschlossen wurde und bis 1990 Bestand hatte. Dieses Abkommen, das kurz „Regierungsabkommen Interkosmos“ genannt wurde, ermöglichte den interessierten Instituten und Organisationen der beteiligten Länder die Teilnahme an kosmischen Experimenten, die von der Sowjetunion mit Hilfe ihrer Raketen und an Bord ihrer künstlichen Erdsatelliten und Weltraumsonden durchgeführt wurden. Die sowjetische Seite forderte dabei von den ausländischen Teilnehmern die Entwicklung und Bereitstellung von eigenen Geräten und Anlagen für den Einsatz auf der sowjetischen Trägertechnik. Die finanziellen Regelungen waren für alle Teilnehmer günstig: Jede Seite mußte alle im eigenen Bereich anfallenden Kosten selbst tragen. Die Interkosmos-Kooperation hatte keine eigene internationale Institution wie etwa die Europäische Weltraumagentur ESA, die ein eigenes Budget aus den Beitragszahlungen der Teilnehmerstaaten hat. Das Regierungsabkommen Interkosmos wurde fast zehn Jahre nach dem Start des ersten künstlichen Erdsatelliten „Sputnik 1“, der am 4. Oktober 1957 erfolgt war, abgeschlossen. In dem seit dem Start von „Sputnik 1“ verflossenen Jahrzehnt hatten schon zahlreiche Einrichtungen der DDR im Bereich der Geo- und Kosmoswissenschaften sich mit der Nutzung der neuen Forschungstechnologie befaßt und insbesondere damit, die bekannt gewordenen Ergebnisse und Daten auf ihren Fachgebieten zu verarbeiten. Sie konnten nach wenigen Jahren bereits die künstlichen Satelliten der USA und der Sowjetunion und die von diesen ausgesandten und offen zugänglichen Meßsignale mit eigenen Anlagen beobachten bzw. empfangen. Zu nennen sind vor allem die Ionosphärenphysiker und die Meteorologen sowie die Geodäten und die Astronomen (mit optischen Beobachtungen zur Bahnbestimmung). Erinnert sei u.a. an die Entwicklung der Empfangsgeräte im Observatorium für Ionosphärenforschung des Meteorologischen Dienstes in Kühlungsborn und der Außenstelle des Heinrich-Hertz-Institutes für Schwingungsforschung der Akademie der Wissenschaften in Neustrelitz, der Wetterbildempfangsstationen WES (im Observatorium Kühlungsborn und im Zentrum für wissenschaftlichen Gerätebau der Akademie in Berlin-Adlershof) und des Satellitenbeobachtungsgerätes SBG (für geodätische Zwecke) im VEB Carl Zeiß Jena. Dieser sah für das SBG einen lukrativen Markt und engagierte sich dementsprechend. Die Teilnahme an kosmischen Experimenten an Bord der raketengetragenen Sonden und Satelliten war den Wissenschaftlern der DDR aber bis zum Abschluß des Regierungsabkommens Interkosmos nicht möglich gewesen. An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß im vorliegenden Beitrag nicht der Gesamtkomplex „Raumfahrt in der DDR“ behandelt werden soll. Eine entsprechende Darstellung bietet das Buch des Fachjournalisten Horst Hoffmann „Die andere deutsche Raumfahrt“, Berlin: edition ost, 1998. Im Mittelpunkt dieses Beitrages sollen die Aspekte stehen, die die Geo- und Kosmosforschung und die entsprechenden wissenschaftlichen Dienstleistungen betreffen. Die Nutzung von Raketen und Satelliten als Beobachtungsobjekte und als Träger von Instrumenten bedeutete für die Geo- und Kosmoswissenschaften einen gewaltigen Fortschritt und brachte innerhalb kürzester Zeit bereits enorme Erfolge. Es ist hier nicht der Platz, darauf umfassend einzugehen. Es war kein Zufall, daß der Start von Sputnik 1 in der ersten Phase des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/1958 (kurz: IGJ) erfolgte. Die Bedeutung dieses internationalen Forschungsprogramms ist vielfach gewürdigt worden (siehe die Anmerkungen am Ende des Beitrages). Im vorliegenden Zusammenhang sei lediglich daran erinnert, daß das IGJ dank des Einsatzes der raketengetragenen Erdsatelliten und Weltraumsonden sofort zu einem enormen Aufschwung der solar-terrestrischen Physik führte. Die Entwicklung und Nutzung dieser neuen Forschungstechnologie, die häufig kurz als „Weltraumforschung“ bezeichnet wird, erforderte eine neue Qualität in der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Für die Wissenschaftler der DDR brachte die Teilnahme neue Möglichkeiten, um gleichberechtigt an der internationalen Zusammenarbeit mitwirken und sie nutzen zu können. An der internationalen geophysikalischen Kooperation im Rahmen des IGJ war die DDR von Anfang an selbständig beteiligt. Das Spezielle Wissenschaftliche Komitee für das IGJ (CSAGI) des Internationalen Rates der Wissenschaftlichen Unionen (ICSU) hatte das dafür gegründete Nationalkomitee der DDR unter Leitung von Hans Ertel, damals Vizepräsident der Akademie, anerkannt. In der schon 1919 gegründeten Internationalen Union für Geodäsie und Geophysik (IUGG) hatte der Landesausschuß der DDR unter dem Vorsitz von Akademiemitglied Otto Meißer 1957 seine Anerkennung erreicht, mußte sich aber mit der Vertretung der BRD die Mitgliedschaft Deutschlands teilen. Die selbständige Mitgliedschaft in der IUGG erreichte das inzwischen gegründete Nationalkomitee für Geodäsie und Geophysik der DDR (NKGG) mit dem Präsidenten Horst Peschel in den Jahren 1963/1966. In den anderen relevanten internationalen wissenschaftlichen Organisationen im Bereich der Geo- und Kosmoswissenschaften wurde dieser Status wenig später erreicht. Zur Nutzung und Weiterentwicklung der raketengestützten Forschungstechnologie in ihren Fachgebieten entstanden ab 1957 innerhalb kurzer Zeit in allen internationalen Organisationen auf dem Gebiet der Geo- und Kosmoswissenschaften besondere Kommissionen und Arbeitsgruppen. Zahlreiche interessierte Wissenschaftler der DDR bemühten sich mit Erfolg um die Aufnahme in diese Gruppen. Im Internationalen Speziellen Komitee für Weltraumforschung (COSPAR) des ICSU, das 1957 gegründet wurde, war die DDR dank des Wirkens von Ernst August Lauter, Akademiemitglied ab 1964, von Beginn an selbständiges Mitglied. Die Vertretung der DDR im COSPAR wurde später als Fachgruppe in das schon erwähnte NKGG eingegliedert. Die selbständige Mitgliedschaft wurde für die DDR auch in der Internationalen Astronautischen Föderation (IAF) ab 1960 erreicht, und zwar durch die damalige Deutsche Astronautische Gesellschaft (DAG), die im gleichen Jahr von Bewunderern der Raketentechnik und der Raumfahrt in der DDR gegründet worden war. Die DAG wurde 1979 erweitert und in Gesellschaft für Weltraumforschung und Raumfahrt der DDR (GWR) umbenannt. Abweichend von dem in der DDR üblichen Schema, daß die DDR in internationalen wissenschaftlichen Organisationen durch spezielle Nationalkomitees vertreten wurde, behielt die GWR den Status als Vertretung der DDR in der IAF bis zum Ende der DDR bei. Höhepunkt und zugleich Ende des internationalen Wirkens der GWR sollte in den ersten Tagen des Oktober 1990 die Durchführung des 41. Kongresses der IAF in Dresden sein. Vorsitzender des Organisationskomitees war Ralf Joachim aus dem Institut für Kosmosforschung der Akademie, von 1984 bis 1991 Präsident der GWR und ab 1988 Vizepräsident der IAF. Die Weltraumforschung gestützt auf Raketen und Satelliten besaß vom Start des ersten künstlichen Erdsatelliten an eine bis dahin in der Wissenschaft nicht gekannte Massenwirksamkeit. Gesteigert wurde dies noch unter den Bedingungen des "Kalten Krieges" durch die politisch-militärische Bedeutung der interkontinentalen Raketen, die als Trägertechnik der Weltraumforschung eingesetzt werden. Damit wurde die Weltraumforschung zum Feld der härtesten Konkurrenz zwischen den mächtigsten Staaten und Staatengruppen. Die Erwartungen der Politiker und der breiten Öffentlichkeit und die damit verbundene Bereitschaft zur Bereitstellung großer finanzieller und materieller Mittel verleiteten manche damalige Zeitgenossen leider auch dazu, die Möglichkeiten und die Leistungen dieser Forschungstechnologie weit überhöht zu propagieren. Heute gibt es davon nur noch schwache Nachwirkungen. Mit dem Abschluß des Regierungsabkommens Interkosmos begann in der DDR eine neue Phase bei der Teilnahme an der Weltraumforschung und der Nutzung ihrer Ergebnisse. Weit in den Vordergrund wurde jetzt die relevante Kooperation mit der Ud SSR gerückt. Die Verantwortung für das Regierungsabkommen wurde dem Ministerium für Wissenschaft und Technik (abgekürzt: MWT) übertragen. Gegründet wurde ein DDR-Komitee für die Koordinierung aller relevanten Aktivitäten in der DDR mit hochrangigen Vertretern aus allen interessierten zentralen Organen der DDR. Dieses kurz „Koordinierungskomitee Interkosmos“ oder noch kürzer „Ko Ko“ genannte Komitee erhielt weitreichende Vollmachten und die Verfügung über einen speziellen Planteil im Staatsplan Wissenschaft und Technik. In den ersten Jahren hatte den Vorsitz des „Ko Ko“ ein stellvertretender Minister des MWT inne. Zur Beratung des „Ko Ko“ wurde ein Wissenschaftlicher Beirat Interkosmos berufen mit Akademiemitglied Lauter, derzeit Direktor des Heinrich-Hertz-Institutes für solar-terrestrische Physik der Akademie, als Vorsitzendem. Bereits jetzt sei erwähnt, daß 1974 der Vorsitz des „Ko Ko“ dem Generalsekretär der Akademie Akademiemitglied Claus Grote übertragen und der Arbeitsort des Komitees in die Akademie verlegt wurde. Die Verantwortung für das Regierungsabkommen und insbesondere für den entsprechenden Planteil im Staatsplan blieb jedoch beim MWT. Die Akademie handelte weitgehend im Auftrage des MWT. Neuer Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates wurde Heinz Stiller, 1969 Gründungsdirektor des Zentralinstituts für Physik der Erde der Akademie, ab 1971 Akademiemitglied und ab 1973 Leiter des 1969 gegründeten Forschungsbereiches Geo- und Kosmoswissenschaften der Akademie. Dem „Ko Ko“ unterstanden die nationalen Arbeitsgruppen für Kosmische Physik (einschließlich Kosmischer Gerätebau und Kosmische Geodäsie), Kosmische Meteorologie, Kosmisches Nachrichtenwesen und Kosmische Biologie und Medizin. Ab Ende der 70er Jahre kam die Arbeitsgruppe Fernerkundung mit aerokosmischen Mitteln hinzu. Die Bezeichnungen für diese Arbeitsgruppen und ihre Tätigkeitsgebiete wurden wie in der Sowjetunion üblich gewählt. Dabei ist „kosmisch“ als Synonym für „raketen- und satellitengestützt“ zu verstehen. Die spezielle Tätigkeit der Arbeitsgruppen Kosmisches Nachrichtenwesen und Kosmische Biologie und Medizin wird im vorliegenden Beitrag nicht weiter behandelt. Analog wurden die Weltraumaktivitäten in den anderen Teilnehmerländern des Interkosmos-Abkommens organisiert. Die internationale Abstimmung der Arbeitspläne im Rahmen des Programms Interkosmos erfolgte in den Jahrestagungen, zu denen die nationalen Komitees und die jeweiligen nationalen Arbeitsgruppen der beteiligten Länder turnusmäßig, abwechselnd in den verschiedenen Ländern, zusammenkamen. Hinzu kamen je nach Bedarf Expertenberatungen und Arbeitsaufenthalte zu den konkreten Vorhaben. Das Budget zur Finanzierung dieser Reisen war beträchtlich. Die Sonderstellung der Sowjetunion im und zum Regierungsabkommen Interkosmos lag in der Natur der Sache. Sie beruhte auf der alleinigen Verfügung über die Trägertechnik, dem unvergleichlich größeren Umfang der Weltraumaktivitäten und der großen Zahl der teilnehmenden Organisationen der Ud SSR. Die sowjetische Seite wurde im Rahmen des Abkommens vom Rat Interkosmos bei der Akademie der Wissenschaften der Ud SSR vertreten. Dessen Vorsitzender war ein Vizepräsident dieser Akademie. Die Akademie der Wissenschaften der DDR hat alle Vorsitzenden des Rates Interkosmos zu ihren Auswärtigen Mitgliedern gewählt. Der Rat Interkosmos arbeitete eng mit dem Staatlichen Komitee für Wissenschaft und Technik des Ministerrates der Ud SSR zusammen. Zu beachten ist, daß der sowjetische Rat Interkosmos nicht nur für die Einbeziehung der sozialistischen Länder in die zivilen (also friedlichen) Weltraumaktivitäten der Ud SSR zu sorgen hatte. Er war auch zuständig für die relevanten Beziehungen und die Zusammenarbeit mit allen anderen Ländern, an erster Stelle den USA. Eine besondere Bedeutung hatten immer die Beziehungen mit Frankreich. Das in der Ud SSR eingeführte System der Leiteinrichtungen für die Koordinierung der Zusammenarbeit innerhalb der Ud SSR, mit den sozialistischen Ländern und auch darüber hinaus war auch im Interkosmos-Programm wirksam. An erster Stelle ist hierbei das Institut für kosmische Forschungen der Ad W[new] der Ud SSR (russische Abkürzung: IKIAN) zu nennen. Es war berechtigt, direkte Beziehungen mit entsprechenden Instituten in den anderen Ländern zu unterhalten, und konnte zunehmend auch eigene Ziele verfolgen. Es gab mehrere Gründe für den Abschluß des Regierungsabkommens Interkosmos. Die Motive der interessierten Wissenschaftler sind offensichtlich, waren aber nicht maßgebend. Entscheidend waren die politischen Ziele. Für die sowjetische Seite war entscheidend zum einen die Erweiterung des wissenschaftlichen und technischen Potentials zur besseren wissenschaftlichen Nutzung der sowjetischen Trägertechnik und zum andern, daß die verbündeten sozialistischen Staaten durch die direkte Teilnahme an der Weltraumforschung in die Lage kamen, als völkerrechtliche Subjekte die Sowjetunion in der weltpolitischen Auseinandersetzung um die Beherrschung und Nutzung des Weltraums unterstützen zu können. Beide Ziele wurden erreicht. Für die Führung der DDR war vor allem entscheidend, daß die Industrie der DDR einen direkten Zugang zur Hochtechnologie erhalten konnte, die bei der raketen- und satellitengestützten Erforschung und Nutzung des Weltraums damals in hohem Tempo entwickelt wurde. Das MWT setzte alle seine Mittel ein, um dieses Ziel zu erreichen. Die Teilnahme an den kosmischen Experimenten war für das MWT nur Mittel zum Zweck. Die Nutzung des Regierungsabkommens Interkosmos für die Geo- und Kosmosforschung interessierte an zweiter Stelle. Ebenso wichtig wie der Zugang zur Hochtechnologie war für die Führung der DDR die propagandistische Verwertung des Interkosmos-Abkommens. Dabei war allerdings der Balance-Akt zwischen den außerordentlich hohen Sicherheitsanforderungen der sowjetischen Seite und den häufig hemmungslosen Propaganda-Bedürfnissen zu bestehen. Im Interkosmos-Programm stand die Forschung absolut im Vordergrund. Die Nutzung der Weltraumtechnologie mußte auf anderen Wegen entwickelt und betrieben werden. Derartige Arbeiten wurden in allen Teilnehmerländern von den zuständigen zentralen staatlichen Organen dieser Länder selbst verantwortet. Das betraf von Anfang an das kosmische Nachrichtenwesen, die kosmische Meteorologie und die kosmische Geodäsie und Navigation. Hierfür wurden auch von den Instituten der Akademie wissenschaftliche Vorarbeiten geliefert, oft außerhalb ihrer Arbeiten im Rahmen des Interkosmos-Programms. Verwiesen sei z.B. auf die Entwicklung der Satellitengeodäsie im Geodätischen Institut und später im Zentralinstitut für Physik der Erde der Akademie unter der Leitung von Heinz Kautzleben. Dagegen lieferte das Interkosmos-Programm einen beachtlichen Beitrag zur Entwicklung der Fernerkundung der Erde und ihrer Atmosphäre aus dem Kosmos, worauf später noch eingegangen werden soll. Im Mittelpunkt der Aktivitäten zum Regierungsabkommen Interkosmos stand die Kosmische Physik. Zum Träger dieser Forschungsarbeiten wurde in der DDR die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (DAW), 1972 umbenannt in Akademie der Wissenschaften der DDR (Ad W[new]) bestimmt. Damit entstand für die Akademie die Aufgabe, eine leistungsfähige Einrichtung aufzubauen, die den Anforderungen des Regierungsabkommens gerecht werden konnte. Deren Lösung führte schließlich zur Bildung des Institutes für Elektronik der Akademie (IE) im Mai 1973, zu dessen Direktor der technische Physiker Hans-Joachim Fischer berufen wurde. Der wissenschaftlich führende Kopf im IE war Karl-Heinz Schmelovsky, ein langjähriger Mitarbeiter von E. A. Lauter, Akademiemitglied seit 1970. Der Bildung des Instituts für Elektronik gingen mehrjährige Auseinandersetzungen voraus, in die Akademiemitglied Lauter verwickelt war und die dazu beitrugen, daß er seine führende Rolle in der Akademie und speziell in den Geo- und Kosmoswissenschaften einschließlich der Weltraumforschung verlor. Ernst August Lauter hat die Entwicklung der Geo- und Kosmoswissenschaften in der Akademie und darüber hinaus in den sechziger Jahren geprägt. Er hatte die Führungsrolle von Hans Ertel übernommen, die dieser im Jahre 1961 aus persönlichen Gründen abgeben mußte. E. A. Lauter förderte vor allem die solar-terrestrische Physik, die im IGJ infolge des Einsatzes von Raketen und Satelliten zur führenden Richtung in den Geo- und Kosmoswissenschaften geworden war. Unter seiner Leitung wurde seit Mitte der sechziger Jahre das damalige Heinrich-Hertz-Institut (HHI) für Schwingungsforschung der DAW zum HHI für solar-terrestrische Physik umgewandelt, wobei einige Struktureinheiten des alten HHI abgegeben und mehrere neue Struktureinheiten aus anderen Instituten der DAW einbezogen wurden. Eingegliedert wurde auch das Observatorium für Ionosphärenforschung Kühlungsborn aus dem Meteorologischen Dienst der DDR. In den erwähnten Auseinandersetzungen konnte sich E. A. Lauter nicht mit seiner Vorstellung durchsetzen, daß das HHI naturwissenschaftliche Forschungen, insbesondere zu den solar-terrestrischen Beziehungen, zu betreiben hätte und die Geräteentwicklung Mittel zu diesem Zweck wäre. Im Ergebnis wurden Ende 1972 die mit der satellitengestützten Weltraumforschung im Rahmen des Regierungsabkommens Interkosmos befaßten Struktureinheiten aus dem HHI für solar-terrestrische Physik herausgelöst und zur im Rahmen der Akademie selbständigen Forschungsstelle für kosmische Elektronik unter Leitung des ehemaligen langjährigen Wissenschaftlichen Direktors der DAW Hans Wittbrodt zusammengefaßt. Diese Forschungsstelle erhielt dann wenige Monate später den Status eines Instituts der Akademie. Schon die neue Bezeichnung Institut für Elektronik zeigte die Zielstellung, die verfolgt werden sollte. Diese Entscheidung stand in gewissem Widerspruch zur Zuordnung des IE zum 1969 gebildeten Forschungsbereich Geo- und Kosmoswissenschaften der Akademie, dessen Leiter ab 1973 Akademiemitglied Heinz Stiller war. Die Sonderstellung des IE wurde verstärkt dadurch, daß seine Arbeit direkt vom Koordinierungskomitee Interkosmos unter Leitung des Generalsekretärs der Akademie bestimmt wurde, und durch seine direkten Beziehungen zum für das Regierungsabkommen Interkosmos zuständigen Stellvertretenden Minister für Wissenschaft und Technik. Der Auf- und Ausbau des IE wurde zudem von der Leitung der Akademie in materieller und personeller Hinsicht in außergewöhnlich hohem Maße direkt gefördert. Charakteristisch für die wissenschaftliche Tätigkeit des Instituts für Elektronik in den siebziger Jahren war die aktive Mitwirkung an der instrumentellen Ausrüstung von Höhenraketen und künstlichen Erdsatelliten der Interkosmos-Serie sowie an der Durchführung und Auswertung entsprechender Experimente vorrangig auf dem Gebiet der Kosmischen Physik und Meteorologie. Diese Arbeitsrichtung wurde auch in den folgenden Jahren vom Institut gepflegt, verlor aber zunehmend ihre öffentliche Wirkung. Das Institut für Elektronik wurde in den siebziger Jahren zur Leiteinrichtung der DDR für die Teilnahme von Einrichtungen der DDR am Interkosmos-Programm. Das Sekretariat des "Ko Ko" erhielt seinen Arbeitsort im IE. Größeren Einfluß auf die Teilnahme der DDR an der Weltraumforschung unter Führung der Ad W[new] der Ud SSR brachte ab Beginn der siebziger Jahre die Tätigkeit des Wissenschaftlichen Beirates für das "Ko Ko" und seines neuen Vorsitzenden Heinz Stiller. H. Stiller hatte seine ersten Arbeitskontakte mit sowjetischen Einrichtungen auf dem Gebiet der Weltraumforschung Anfang der siebziger Jahre aufnehmen können mit der Übernahme von mineralogischen und hochdruckphysikalischen Untersuchungen an einer der Proben des Mondbodens, die mit Hilfe der sowjetischen Mondsonde Luna 6 zur Erde geholt worden waren und die den Einrichtungen der DDR übergeben worden war. Diese Arbeiten brachten für Heinz Stiller und seine Mitarbeiter im Zentralinstitut für Physik der Erde der Akademie den Einstieg in die auf Weltraumsonden gestützte Planetenerforschung. Etwa Mitte der siebziger Jahre begannen in der Interkosmos-Zusammenarbeit Entwicklungen, denen das Institut für Elektronik mit seiner anfänglichen wissenschaftlichen Ausrichtung nicht mehr gerecht werden konnte. Sie führten schließlich dazu, daß das IE im April 1981 zum Institut für Kosmosforschung der Akademie (abgekürzt: IKF) umbenannt wurde; zum Direktor des IKF wurde Robert Knuth berufen. R. Knuth war langjähriger Mitarbeiter von Ernst August Lauter in Kühlungsborn und Neustrelitz gewesen und befaßte sich mit der Erforschung der Hochatmosphäre. Zum einen war es der sowjetischen Seite Mitte der siebziger Jahre gelungen, den VEB Carl Zeiß Jena für die technische Ausrüstung der sowjetischen Satelliten direkt zu gewinnen. Das IE konnte dabei organisatorische Hilfe leisten. Das erste sichtbare Ergebnis waren Entwicklung und Bau der Multispektralkamera MKF-6 durch den VEB Carl Zeiß Jena. Die MKF-6 war eine Verbindung von Fotogrammetrie und Spektrometrie. Die Erprobung der MKF-6 erfolgte in der DDR an Bord eines sowjetischen Flugzeuges auf speziellen Flugprofilen mit einem geowissenschaftlichen Programm, das im Zentralinstitut für Physik der Erde der Akademie unter Leitung von Heinz Kautzleben, Direktor des ZIPE seit 1973, er wurde 1979 zum Akademiemitglied gewählt, ausgearbeitet worden war. Dieses Projekt brachte für zahlreiche Institutionen der DDR den Einstieg in die Fernerkundung der Erde mit aerokosmischen Mitteln. Kurz danach wurde im Interkosmos-Programm die Fernerkundung als selbständige Arbeitsrichtung eingerichtet. Das stabile Interesse der verschiedenen Anwenderbereiche in allen sozialistischen Ländern an dieser Methode führte wenige Jahre später zum Abschluß eines mehrseitigen Regierungsabkommens der sozialistischen Länder über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Fernerkundung. Als Leiteinrichtung dafür wurde in der DDR das ZIPE eingesetzt. Die Leitung der entsprechenden DDR-Arbeitsgruppe wurde H. Kautzleben übertragen. Damit entstand eine Mehrgleisigkeit mit den Schwerpunkten Anwendungsorientierung und Förderung der technischen Mittel, die bis zum Ende der DDR nicht überwunden werden konnte. Die Arbeiten zur Technik-Entwicklung verblieben im Regierungsabkommen Interkosmos und im IE bzw. IKF. Eine zeitweilige Belastung für das Institut für Elektronik brachte Ende der siebziger Jahre der Abschluß des mehrseitigen Regierungsabkommens der sozialistischen Länder über die Teilnahme an den bemannten Weltraumflügen der Ud SSR. Es ermöglichte 1978 den Weltraumflug von Sigmund Jähn an Bord der Orbitalstation Salut 6. Die Verantwortung für die Vorbereitung und Auswertung des persönlichen wissenschaftlichen Programms von S. Jähn lag beim "Ko Ko", organisatorisch bei dessen Sekretariat im IE, das von Ralf Joachim geleitet wurde. Das Programm umfaßte medizinische Untersuchungen, physikalische und biologische Experimente unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit sowie Aufgaben der Fernerkundung der Erdoberfläche und der Atmosphäre. Am Programm beteiligten sich zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen der DDR, darunter auch das IE. Das ZIPE betreute den Teil Fernerkundung, wozu auch die Nutzung der auf der Orbitalstation installierten MKF-6 gehörte. S. Jähn konnte mit seinen Untersuchungen zur Fernerkundung in der Akademie zum Dr. rer. nat. promovieren. Der in den achtziger Jahren angestrebte Einsatz eines zweiten Fliegerkosmonauten aus der DDR war nicht mehr zu erreichen. Die Leistungskraft des Instituts für Elektronik allein reichte schließlich nicht mehr aus, um die Einladung der sowjetischen Akademie an die Akademie der DDR zur Teilnahme an den sowjetischen Missionen zu den Planeten annehmen zu können. Die Einladung stand im Zusammenhang mit den in den siebziger Jahren im IE begonnenen wissenschaftlich-technischen Entwicklungen zur Fernerkundung der Erde und ihrer Atmosphäre mit spektrometrischen Methoden. Der Einladung konnte jedoch in Kooperation mit weiteren Instituten der Akademie und Einrichtungen des Meteorologischen Dienstes gefolgt werden. Die erste Teilnahme an einer Planeten-Mission erfolgte 1983, und zwar mit dem Einsatz von Infrarot-Fourier-Spektrometern zur Sondierung der Venus-Atmosphäre (Venera 15/16). Führend waren Volker Kempe, er wurde 1984 zum Akademiemitglied gewählt, und Dieter Spänkuch, der 1996 zum Mitglied der Leibniz-Sozietät e.V. gewählt wurde. Als theoretische Grundlage dieser Arbeiten diente die stochastische Signal- und Systemtheorie, die auf die Demodulation von Wetterbild-Satellitensignalen angewendet worden war und später für die Behandlung von Regelungsproblemen und die Dimensionierung spektrometrischer und bildaufnehmender optoelektronischer Systeme bis hin zur optimalen Auswertung ihrer Daten genutzt wurde. Die Entwicklung des IKF in den achtziger Jahren war widersprüchlich. Zum einen wurde auf Initiative von Akademiemitglied Heinz Stiller und unter Leitung von Dirk Möhlmann im IKF ein Bereich Extraterrestrische Physik aufgebaut, mit dem den Entwicklungen in der Zusammenarbeit mit dem Institut für kosmische Forschungen der Ad W[new] der Ud SSR, insbesondere seiner Ausrichtung auf Planeten-Missionen mit starker internationaler Beteiligung aus Ost und West, besser nachgekommen werden konnte. Zum anderen wurde in den achtziger Jahren die materiell- technische Basis des IKF, ebenso das wissenschaftlich-technische Forschungspotential bedeutend ausgebaut. Der Ausbau war ab 1983 mit der Übernahme von umfangreichen Forschungen und Entwicklungen zu Hochtechnologien für industrielle Auftraggeber mit z.T. geringer Kosmosrelevanz verbunden, wobei frühere Forschungslinien des IKF teilweise eingestellt wurden. Diese Arbeiten wurden durch strenge Geheimhaltungsvorschriften beträchtlich erschwert. Sie wurden ab 1987 wieder schrittweise eingestellt. Der stark auf Arbeiten ohne Kosmosrelevanz ausgerichtete Bereich wurde aus dem IKF ausgegliedert. Die bei diesen Arbeiten gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen konnten im IKF dann für den Aufbau der Arbeiten zur Fernerkundung der Erde und der Planeten mit Hilfe von optoelektronischen Systemen genutzt werden. Zum Jahreswechsel 1988/1989 wurde Akademiemitglied Heinz Kautzleben, bis dahin Direktor des ZIPE und ab 1985 Leiter des Forschungsbereiches Geo- und Kosmoswissenschaften, zum Direktor des IKF berufen. Ziel aller dieser Maßnahmen war, die Orientierung der Forschungsarbeiten des IKF auf die Raumfahrtnutzung für Wissenschaft, Wirtschaft und staatliche Dienstleistungen zu verstärken. Zur ersten Bewährungsprobe für den neuen Bereich Extraterrestrische Physik im IKF wurde die Beteiligung an der VEGA-Mission 1986 mit den beiden sowjetischen Sonden VEGA 1 und VEGA 2 zur Venus und zum Kometen Halley. Sie bestand im wesentlichen in Empfang, Verarbeitung und Interpretation der Bilddaten vom Kometen Halley. Der Bereich Extraterrestrische Physik entwickelte sich sehr schnell, seine Mitarbeiter waren äußerst agil, auch in ihren Kooperationsbeziehungen nach allen Richtungen. Die Integration in das wissenschaftliche Profil des IKF war mühsam und bis zur Abwicklung des IKF Ende 1991 noch nicht gelungen. Dank der Unterstützung durch Akademiemitglied Stiller, inzwischen zum Vizepräsidenten der Akademie gewählt, übernahm der Bereich auch in der Beteiligung an der Planetenmission zum Marsmond Phobos 1988/89 einen vorderen Platz. Der Bereich Extraterrestrische Physik war auch stark an den Vorbereitungen zur Planeten-Mission Mars-94 beteiligt. Dazu wurden auch von anderen Bereichen des IKF Beiträge geliefert. Ein umfangreicher Beitrag war die Entwicklung der optoelektronischen Weitwinkel-Stereokamera WAOSS. Diese Mission ist bekanntlich fehlgeschlagen. Die Beteiligung an der Phobos-Mission 1988/89 seitens der DDR war wesentlich umfangreicher als die an der VEGA-Mission. Das IKF wollte an mehreren Experimenten teilnehmen. Das Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse der Akademie beteiligte sich unter Leitung von V. Kempe maßgeblich an der Entwicklung des Kamera-Komplexes Fregat. Die Phobos-Mission ist leider fehlgeschlagen, da die Sonde vorzeitig ausfiel. Es konnten nur wenige Daten empfangen werden, darunter eine Reihe von Bildern. Sie wurden jedoch intensiv ausgewertet. Zur Evaluierung des Instituts für Kosmosforschung durch Expertengruppen der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) wurde vom IKF mit Stand Juli 1990 ein umfangreicher Statusbericht angefertigt. Danach war das IKF gegliedert in die wissenschaftlichen Bereiche: Spektrometrische Fernerkundung, Optoelektronische Systeme, Extraterrestrische Physik und Satellitenbodenstation Neustrelitz. Hinzu kamen die technischen Bereiche: Systemkonditionierung, Rechentechnik sowie Bibliothek und wissenschaftliche Information. Ein weiterer Bereich fungierte als Büro des "Ko Ko". Diese Übersicht zeigt, daß die anfänglichen wissenschaftlichen Aufgaben aus dem Regierungsabkommen Interkosmos für das IKF ihre hohe Bedeutung verloren hatten. Sie waren noch erkennbar in den Arbeiten der Bereiche Spektrometrische Fernerkundung, Station Neustrelitz und Systemkonditionierung. Aber auch in diesen Bereichen dominierten Arbeiten zur Fernerkundung. Die zentrale Aufgabe des Bereiches Optoelektronische System war die Entwicklung moderner Kamerasysteme. Die große Schwierigkeit des IKF war wie in der Anfangszeit, daß es sich auf die Geräteentwicklung konzentrierte und die naturwissenschaftlichen Aufgaben anderen Forschungseinrichtungen überlassen mußte. Die Kooperation mit diesen Einrichtungen war immer noch dadurch erschwert, daß die ehemals berechtigten Geheimhaltungsbestimmungen nicht beseitigt waren. Beim Anschluß der DDR an die BRD 1990 zeigte sich, daß die Ende der achtziger Jahre begonnene wissenschaftliche Ausrichtung des IKF den Anforderungen in der erweiterten BRD gewachsen war. Das IKF wurde zwar wie alle Institute der Ad W[new] der DDR Ende 1991 aufgelöst. Das Forschungspotential des IKF, die Forschungsthemen und ihre internationale vertragliche Bindung sowie die materiell-technische Basis wurden jedoch zum Grundstock für das neue Zentrum Berlin-Adlershof der Deutschen Forschungsanstalt für Luft und Raumfahrt DLR (heutige Bezeichnung Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt). Das neue Zentrum der DLR war vorübergehend gegliedert in ein Institut für Planetenerkundung, ein Institut für Sensorik und die Außenstelle in Neustrelitz. Die Unterteilung in zwei Institute der DLR in Berlin-Adlershof ist wieder aufgegeben worden. Das Forschungspotential des IKF wurde von der DLR zu einem großen Teil übernommen, die Leitungsfunktionen wurden jedoch durchgehend von Wissenschaftlern aus den alten Bundesländern besetzt. Die mit dem IKI der Akademie der Wissenschaften in Moskau verbundenen Projekte, insbesondere die Teilnahme an der Mission zum Mars, wurden weiter bearbeitet. Ein letzter Hinweis: Mit der weltweiten diplomatischen Anerkennung der DDR nach 1973 und ihrer Aufnahme in die UNO ergab sich die Möglichkeit und Notwendigkeit, Vertreter der DDR in die Unterorganisationen der UNO zu entsenden, die sich mit der Nutzung des Weltraumes für friedliche Zwecke befassen. Die entsprechende Aufforderung des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten der DDR an die Akademie wurde erfüllt. Als erster Wissenschaftler aus der DDR arbeitete in der Weltraumabteilung der UNO in New York Peter Bormann vom ZIPE. Ihm folgten Dieter Felske (IKF), Rolf-Peter Oesberg (ZIPE) und Hans-Dieter Haubold aus dem Zentralinstitut für Astrophysik. Robert Knuth vom IE/IKF wurde zum Vertreter der DDR in den jährlichen Tagungen des Weltraum-Komitees der UNO. Die Tätigkeit dieser Mitarbeiter der Akademie hat das wissenschaftliche Ansehen der in der DDR betriebenen Weltraumforschung gefördert und vielfach nützliche Informationen für die Forschungsarbeit in der Heimat geliefert. Anmerkungen und Verweise: 1) Die Einbindung der Geo- und Kosmosforschung und des Programms Interkosmos in die Entwicklung der Leibniz-Akademie insgesamt beschreibt in angemessener Ausführlichkeit der langjährige Präsident der Akademie Werner Scheler in seinem kürzlich erschienenen Buch „Von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin zur Akademie der Wissenschaften der DDR. Abriß der Genese und Transformation der Akademie“, Karl Dietz Verlag Berlin, 2000 2) Über die Vorgeschichte, Entstehung und Entwicklung des Forschungsbereiches Geo- und Kosmoswissenschaften der Akademie berichtete kurz H. Kautzleben in seinem Vortrag „Das Zentralinstitut für Physik der Erde und die in ihm aufgegangenen Institute der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Zeitraum von 1950 bis 1973“ zum 2. Kolloquium der Leibniz-Sozietät zur Berliner Akademiegeschichte am 5. September 1998, veröffentlicht in den „Sitzungsberichten der Leibniz-Sozietät“, Jahrgang 1999, Heft 2, S. 33 3) H. Kautzleben: 100 Jahre internationale geophysikalische Forschungsprogramme. Vortrag im Kolloquium der Klasse Geo- und Kosmoswissenschaften der Akademie der Wissenschaften der DDR und des Nationalkomitees für Geodäsie und Geophysik der DDR am 17.06.1982. Veröffentlicht in Informationen aus der Arbeit von Plenum und Klassen der Ad W[new] der DDR, Berlin 7 (1982) 7 4) Institut für Kosmosforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR: Statusbericht 1990, Band 1: Spektrometrische Fernerkundung und optoelektronische Systeme, Band 2: Extraterrestrische Physik, Band 3: Systemkoordinierung, Band 4: Satellitenbodenstation Neustrelitz. Als Manuskript vervielfältigt

Quelle: http://www2.rz.hu-berlin.de/leibniz-sozietaet/download/kautzleben_zz.zip

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