FANDOM


21.04.2005 Interview: Peter Wolter

»Joseph Ratzinger pfändete meine Schreibmaschine«

Nachfolger der Großinquisitoren. Benedikt XVI. gilt als autoritär und dünnhäutig. Die Karnevalsprinzen leben wie die Fürsten. Ein Gespräch mit Hubertus Mynarek*

  • Prof. Dr. Hubertus Mynarek ist Religionswissenschaftler und einer der prominentesten Kirchenkritiker. Bis zu seinem Kirchenaustritt 1972 war er Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien

F: Sie haben eigene Erfahrungen mit dem neuen Papst gemacht ...

Die erste Berührung mit ihm hatte ich in den 60er Jahren. Ratzinger war damals ein relativ progressiver Theologe, er hatte gerade sein Buch »Einführung in das Christentum« herausgegeben. Er lobte meine Rezension, die ich dazu schrieb.

Ratzinger konnte an den Universitäten nicht Fuß fassen, er kam mit den Kollegen nicht zurecht. Er war in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, wo er dann beschloß, Kirchenpolitiker zu werden. Er wurde Bischof, Erzbischof und schließlich Kardinal. Johannes Paul II. holte ihn nach Rom. Dort wurde er Chef der Inquisitionsbehörde (Glaubenskongregation, jW), also Nachfolger der berüchtigten Großinquisitoren. Alle, die ihn kennenlernten, beschreiben ihn als autoritär, dünnhäutig, keinen Widerspruch duldend.

F: Sie haben auch vor Gericht gestritten ...

Im November 72 trat ich aus der Kirche aus. Ich schrieb damals das Buch »Herren und Knechte der Kirche«, in dem ich auf Bitte des Verlages einige Bischöfe und Theologen namentlich nannte. Organisiert von Kardinal Julius Döpfner folgten dann 14 Prozesse mit dem Vorwurf, ich hätte das Persönlichkeitsrecht dieser Leute angetastet. Im Prozeß Ratzinger–Mynarek betrug der Streitwert anfangs 2 700 Mark, dann wurde er auf Verlangen Ratzingers auf 77 000 erhöht. Da sich aus dem Streitwert die Anwaltskosten errechnen, mußte ich schließlich ungeheure Summen bezahlen, so daß ich Haus und Hof verlor. Mir wurde sogar die Schreibmaschine gepfändet. Der Gerichtsvollzieher sagte, kirchenkritische Texte könne ich auch mit der Hand schreiben.

F: Was haben Sie denn Böses geschrieben?

Das Buch ist bis heute verboten, hin und wieder findet man es im Antiquariat. Vor zwei Jahren habe ich in einem weiteren Buch die Prozesse dokumentiert, durfte aber die beanstandeten Stellen nicht wiederholen. Ich will mir jetzt keine neuen Prozesse einhandeln.1

F: Das Gros der Medien hierzulande jubeln, daß ein Deutscher Papst ist. Warum findet man kaum kritische Töne?

Kritische Stimmen werden ausgegrenzt. Bischof Franz Kamphaus Lüneburg z. B. hat durchgesetzt, daß er weder mit Michael Schmidt-Salomon noch mit Uta Ranke-Heinemann im Studio sitzt. Hans-Jochen Jaschke, Weihbischof von Hamburg, hat den Kirchenkritiker Karlheinz Deschner bei Sandra Maischberger ausladen lassen. Zugelassen wird bestenfalls die innerkirchliche Opposition, Eugen Drewermann etwa oder Franz Alt. Aber diese Leute denken nicht radikal, sie bringen es fertig, Unlogik, Dogmatik und Sexuallehre zu kritisieren, aber dennoch in dieser faschistoiden Kirche zu bleiben.

F: Was ist von Ratzinger zu erwarten?

Nichts. Er wird versuchen, mit freundlichem Lächeln seine fundamentalistische Politik durchzusetzen. Ich sage voraus, daß der Katholizismus noch mehr gespalten wird als bisher. Immerhin gibt es das Kirchenvolksbegehren, immerhin gibt es die alternative Kirche von unten. Diese Leute werden sich in keiner Weise von Ratzinger angesprochen fühlen.

F: Und wie ist es mit der Theologie der Befreiung, die vielen armen Menschen in Lateinamerika Hoffnung gab?

Die gegen diese Strömung gerichteten Verdikte des verstorbenen Papstes stammen durchweg von Ratzinger. Im Vorwort zu einem Papst-Buch schrieb er, den Armen in der dritten Welt gehe es mehr um Gott als um den Kampf gegen den Reichtum. Das ist ein Zynismus sondergleichen! Schon von Johannes Paul II. haben die Armen lediglich schöne Worte bekommen. Die Herren leben wie die Fürsten – das muß man immer bedenken, wenn man diese Karnevalsprinzen im Fernsehen sieht. Die fühlen sich nicht als Vertreter des armen Jesus, sondern als Fortsetzer des Imperium Romanum.

1 junge Welt hat sich das verbotene Buch »Herren und Knechte der Kirche« besorgt. Die von Ratzinger inkriminierte Passage lautet: »Bischof wird er meines Erachtens trotzdem nicht, denn seine Fistelstimme könnte im Dom und anderswo die Gläubigen zu Lachsalven animieren.«

1 junge Welt hat sich das verbotene Buch »Herren und Knechte der Kirche« besorgt. Die von Ratzinger inkriminierte Passage lautet: »Bischof wird er meines Erachtens trotzdem nicht, denn seine Fistelstimme könnte im Dom und anderswo die Gläubigen zu Lachsalven animieren.« 

(Quelle: Junge Welt vom 21.04.2005)


Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki